Hautsache bunt

Hautsache bunt

Tattoos als Ausdruck seiner selbst und Modetrend

Laut einer im September veröffentlichten Studie „Verbreitung von Tätowierungen, Piercings und Körperhaarentfernung in Deutschland“ der Universität Leipzig ist mittlerweile jeder fünfte Deutsche tätowiert. Tendenz steigend. Die Hälfte aller Frauen in Deutschland zwischen 25 und 34 Jahren tragen eine Körperbemalung. Im Vergleich zum Jahr 2009 sind das 19 Prozent mehr. Die Studie lässt erkennen, dass Tattoos in der Altersgruppe 14 – 34 Jahre auf beiden Geschlechterseiten eine immer größere Rolle spielen.

Tattoos und ihr Einzug in Europa

Seit welchem Zeitpunkt sich Menschen tätowieren, lässt sich nur schwer konkret benennen. Klar ist aber, dass Tätowierungen die Menschheit seit Jahrtausenden faszinieren und sie sich laut heutigen Erkenntnissen fortlaufend auf dem gesamten Erdball unabhängig voneinander entwickelten. In ihren Ursprüngen waren Tätowierungen meist ein Zeichen der Abstammung, der Dazugehörigkeit oder sie fungierten als rituelle Symbole. Das neuseeländische Ureinwohnervolk “Maori” gilt als eines der Völker, in denen Tätowierungen entstanden. In ihrer Kultur werden Tätowierungen als heilig und unantastbar angesehen. Diese Tätowiertradition hatte großen Einfluss auf die Ausbreitung und Entwicklung von Tätowierungen in der westlichen Welt.

Es war der Englische Seefahrer und Entdecker James Cook, der im Jahre 1774 den tätowierten Prinz Omai aus der Südsee nach England mitbrachte und somit die Körperkunst der „Tatau“ (polynesische Wort für Tätowierungen) in Europa bekannt machte.

Mit der Zeit fanden Tätowierungen auch Platz auf den Körpern der Seefahrer. Aberglaube war und ist heutzutage immer noch der Grund für diese Tätowierungen. “Der Seemann, der ein Seemannsgrab tätowiert hatte, der ist nicht mit dem Schiff abgesoffen”, weiß Günter Götz. Der Hamburger arbeitet seit 34 Jahren als Tätowierer und ist Inhaber der „Ältesten Tätowierstube Deutschlands“ auf St.Pauli. “Da konntest du auch sehen, was ein Seemann gemacht hat. Das war ähnlich, wie ein Gesellenbrief”, erklärt er weiter.

Neuer Hype durch Biker und Punker

Tattoos erlangten in den 1970er Jahren durch Motorradclubs und die Punkrockbewegung eine neue Bedeutung. Biker und Punker nutzen Tätowierungen als Ausdruck der Rebellion und des Protests. Die Tätowierungen der Punkszene waren oft ein Zeichen ihrer Gegenkultur und ihrer Ablehnung damalig geltender Normen, gegen Gesellschaft und Politik. Die Musikszene prägte die Erfolgsgeschichte von Tattoos maßgeblich. Musiker und Prominente waren wesentlich an der Entwicklung einer gewissen Salonfähigkeit von Tattoos beteiligt. “Mitte der 1980er Jahre kam ein Buch raus, in dem Musikgruppen und deren Tätowierungen vorgestellt wurden”, erinnert sich Götz. Ab diesem Zeitpunkt, entsinnt sich der Tätowierer, wurde bei den Menschen ein Bewusstsein für diese Körpermodifikation geweckt.

Tätowierungen in der heutigen Gesellschaft

Galten Tätowierungen Mitte des 20. Jahrhunderts noch als anrüchiges Zeichen von Kriminalität oder für zwielichtige Rotlichtmilieugestalten, nimmt man heutzutage Tattooträger als aufgeweckte, interessierte Menschen, die sich zu einer sozialen Gruppe bekennen, wahr, so Elmar Brähler, Professor für Psychologie an der Universität Leipzig und Mitinitiator oben genannter Studie. Er erkennt darin eine klare Werteverschiebung in der Gesellschaft. Brähler und seine Mitinitiatorin Ada Borkenhagen erklären sich den Anstieg von Tattooträgern dadurch, dass Körper heutzutage möglichst jugendlich aussehen sollen. Borkenhagen erklärt die ansteigende Beliebtheit bei Frauen weiter, dass Tattoos mittlerweile als Form des weiblichen Körperschmucks dienen. Das ist auch die Erfahrung von Günter Götz.

“Ich hatte mal eine Kundin, die hat das ganz vortrefflich ausgedrückt. Sie hatte in ihrem Leben einmal alles verloren und hat gesagt, ich möchte ein Schmuckstück haben, das mir niemand mehr wegnehmen kann. Es ist mein Eigenes”, erklärt der Hamburger Tätowierer die Faszination von Tattoos.

Die Gründe sich für ein Tattoo zu entscheiden sind mannigfaltig. Als Merkmal einer Gruppenangehörigkeit, allgemeine Abgrenzung, Andenken an Personen. Sogar sexuelle Vorlieben werden über Tattoos in gewissen Szenen kommuniziert. Die persönliche Individualität und Darstellung der eigenen Persönlichkeit wird jedoch als häufigster Grund benannt.

Die wirklichen Individualisten werden aber weniger, beobachtet Michael Bigmann, Inhaber des Tattoostudio Most Wanted Tattoo in Hamburg- Barmbek. Was er damit meint sind die Kunden, die selbst ihre Motive entwickeln und zeichnen.

“Heutzutage geht es den Leuten nicht unbedingt um eine Individualität. Die Wenigsten können mir erzählen, ich mach mir jetzt ein Tattoo damit bin ich so individuell! Denn es gibt einfach viel zu viele tätowierte Menschen als dass das wirklich einen Unterschied macht”, erklärt Bigmann

Auch in Deutschlands “Ältester Tätowierstube” beobachtet Günter Götz seit einigen Jahren den Trend der Tattootrends. Auffällig viele Kundenwünsche richten sich nach aktuellen Motiven.

“Die Leute gucken ins Internet und sagen, das finde ich geil”, so Götz.  Er selbst hat zu Tattootrends eine klare Meinung. Wirklich verstehen kann der kaum selbst tätowierte erfahrene Tätowierer es nicht. “Muss es jeder nachmachen, was irgendein Promi vormacht? Das ist für mich nicht individuell. Das ist für mich gedankenlos und nachäffen.”

Schon oft hat er solche Trends übertätowieren müssen. Laut eigener Schätzung hat er in 34 Jahren ca. 5 – 6.000 sogenannte “Cover Ups” gemacht. Eine Tätowierung mit einer anderen zu überdecken ist aber nicht immer einfach und oft schwierig mit den Kundenwünschen kombinierbar.

Deswegen findet Götz auch Fernsehsendungen, die Cover Ups thematisieren grenzwertig. “Dir wird vorgegaukelt in solchen Fernsehsendungen, es ist machbar. Und es wird mit Sachen gearbeitet, die nicht unbedingt immer das Wahre sind.”

Laut Götz ist vielen Menschen nicht klar, wie sich eine Tätowierung über die Jahre verändert. Viele Motive und Tätowierungen, die jetzt gut aussehen oder trendig sind, haben nur eine kurze Halbwertszeit.

Grund dafür ist nicht immer das schwindende Gefallen der Körperbemalung sondern ganz einfach die Beschaffenheit der Haut. So wie sich die Haut über die Jahre verändert, ändert sich auch das Aussehen der tätowierten Stelle. Über die Zeit können Linien ausreißen, kleine Details verlaufen in eine farbige Fläche oder Farben werden vom Körper fast komplett abgebaut oder bleichen aus. Manche aktuellen Tattootrends sind geradezu prädestiniert dafür. Mit ein Grund, warum Götz oft von solchen Stilrichtungen abrät.

Eine zunehmende Gedankenlosigkeit und fehlendes Bewusstsein für die Endgültigkeit einer Tätowierung stellt Götz in der Altersgruppe der 18 – 25 Jährigen fest. “Es ist einfach extremer. Ich will auffallen. Am besten gleich das Erste auf die  Hand”, berichtet er. “Es ist sowas von Quatsch, was heute abläuft.” Selbst der Hinweis, den er manchen Kunden gegenüber besonders hervorhebt, dass eine Tätowierung nie wieder weggeht, entlockt dieser Altersgruppe oft nur ein leichtes Schulterzucken.

Die Möglichkeit es bei späteren Nichtgefallen per Laser zu entfernen wird heutzutage immer größer  werdende Alternative. Dass dabei eventuell Narben entstehen, die Prozedur schmerzhafter und weitaus teurer ist als die Tätowierung, ist einigen Menschen nicht bewusst oder egal.

Leichtfertigkeit mit fremden Körpern

Der Beruf des Tätowierers ist nicht geschützt. Es ist kein traditioneller Ausbildungsberuf. Auch gibt es keinerlei aufwendige Auflagen für eine Studioeröffnung. Manch schwarze Schafe sind im Laufe der Zeit auf den Zug Tätowierungen aufgesprungen. Götz betrachtet diese Entwicklung mit Argwöhnen. Nach seiner Meinung geht es solchen Studios nur ums Geld. “Ich könnte das Fünffache verdient haben von dem, was ich verdient habe. Wenn ich wirklich alles draufdonner”, sagt Götz.

Der Anspruch an die Individualität hängt stark von den eigenen Vorstellungen und Schönheitsidealen ab. Ob und was sich jemand tätowieren lässt, wird immer eine persönliche Angelegenheit sein.

Zu beobachten ist, dass Tätowierungen an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnen und sukzessiv Berufsgruppen durchbrechen. Die Wahl des ausführenden Tätowierers sollte aber gut und bedacht getroffen werden.

Die Tätowierer in Hamburg-Barmbek und auf St. Pauli sind sich ihre Verantwortung sehr bewusst und stehen hinter ihrer Arbeit. “Geld ist nicht alles. Wenn ich nach Hause komme und ich in den Spiegel gucke, muss ich mich auch noch angucken können”, meint Götz.

In beiden Studios wird ausschließlich hochqualitativ gearbeitet. Ausgiebige Beratungsgespräche finden mit den Kunden im Vorfeld immer statt. Nur so kann für beide Seiten eine hochwertige Arbeit entstehen. Dies ist ausschlaggebendes Kriterium für eine individuelle Tätowierung, sofern sie denn individuell sein kann. Besonders im Hinblick auf vergangene und aktuelle Trends. Michael Bigmann von Most Wanted Tattoos vertritt dazu einen klaren Standpunkt.

“Ich glaube eine Tätowierung zu haben, die man sich gewünscht hat, ist immer der individuelle Wunsch von einer einzelnen Person und damit ist jede Tätowierung, die sich jemand macht individuell. Auch wenn es ein Trendtattoo ist. Weil jeder hat seine eigene Vorstellungen und Geschichte dazu.”



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