“Dark” Serienreview

“Dark” Serienreview

“Dark” – Ein düsterer deutscher Versuch international zu sein

Mit der Serie “Dark”, die im Dezember 2017 Premiere feierte, setzt der Streamingdienst Netflix erstmals auf eine deutsche Produktion. Ein düsteres krampf­haftes Versuchen nach Internationalität, das dabei als leichte Kopie an den Se­rienerfolg „Stranger Things“ erinnert!

Vom Handeln in der Dunkelheit

Es regnet in Winden! So gut, wie immer und unaufhörlich! Das kleine fiktive Städtchen wird im Jahre 2019 durch das Verschwinden mehrerer Kinder erschüttert! Doch nicht nur Kinder verschwinden. Neben weiteren im ersten Mo­ment übernatürlich scheinenden Ereignissen, finden die Bewohner des beschaulichen Örtchens Leichen anderer wohl vor langer Zeit verschollener Kin­der im dunklen Wald. Alle diese Kinder tragen dieselben Merkmale ihres Todes. Woher sie kommen und die Ursache ihres Ablebens sind dunkle Geheimnisse der ersten Staffel von „Dark“.

Die Serie nimmt ihren Anfang mit einem tragischen Suizid. Michael Kahnwald, gespielt von Sebastian Rudolph (bekannt aus Manta – Der Film und Stalingrad), erhängt sich in der ersten Folge. Er hinterlässt einen Brief. Zeilen des Abschieds? Geöffnet werden dürfen seine letzten Worte vorerst nicht. Weitere wichtige Ereignisse der Geschichte sind das Verschwinden mehrerer Kinder in der Gegenwart und vor 33 Jahren, um die sich die Story von „Dark“ aufbaut. In der Gegenwart wird erst Erik ein Mitschüler von Michael Kahnwalds Sohn Jonas spurlos vom Erdboden verschluckt. Wenige Tage später der kleine Mikkel. Mysteriös scheinen die ersten dunklen Szenen.

So schnell die Kinder in der Serie verschwinden, so schnell wird auch die Story und deren Protagonisten vorgestellt. Innerhalb der ersten Folge werden dem Zuschauer so gut, wie fast alle Darsteller bzw. Charaktere um die Ohren gehauen. Darunter der fremdgehende Familienvater, der auch noch Kommissar der Kleinstadt ist; der vom Tod seines Vaters traumatisierte Sohn; die verschmähte Affäre des Kommissars, die die Witwe des Erhängten ist; zwei betrogenen Ehefrauen, die ihren Mann stehen müssen und das Familenrad am Lau­fen halten. Die Zeit, die Regisseur Baran bo Odar dem Zuschauer zum Erfassen aller Charaktere gibt, ist nicht nur kurz sondern auch sehr komplex. So erhält fast jede Rolle mindestens ein jüngeres Alter Ego. Die Geschichte der Klein­stadt erstreckt sich über drei Zeitepochen, in der zusätzlich weitere Darsteller des Casts hinzukommen. Wer da nicht in der Lage ist, sich gut Gesichter zu merken, kommt schnell ins Schleudern. Nur zu gut, dass man bei Netflix zu­rückspulen und den Stream anhalten kann. Eine Serie zum nebenbei laufenlas­sen ist “Dark” unter diesem Aspekt definitiv nicht.

Ob es so viele Protagonisten in der Serie geben muss sei dahingestellt. Irgendwo und irgendwie erfüllen alle irgendeinen Sinn. Mal mehr, mal weniger wich­tig. Aber doch hat jede Figur der Serie auf ihre Weise auch ihre Daseinsberechtigung. Sei sie noch so klein. Der Dark-Kosmos dreht sich aber hauptsächlich um den fremdgehenden Kommissar, seinen verschwundenen Sohn Mikkel, und den Sohn seiner Affäre Jonas, der auch Sohn des Erhängten ist.

Kommissar Ulrich Nielsen wird gespielt von Oliver Masucci. Bekanntheit erhielt Masucci unter anderem mit dem im Jahre 2015 erschienen Film „Er ist wieder da“, in dem er Adolf Hitler auf eine skurrile, makabere und teilweise verstörende, aber auch lustige Weise verkörpert. Seit 2009 spielt er auf den Bühnen­brettern des Wiener Burgtheaters. Demnach sollte man meinen, dass Masucci sein Handwerk versteht. In „Er ist wieder da“ gelingt es dem gebürtigen Stutt­garter auch ganz wunderbar. Als Kommissar Nielsen vermisst man als Be­trachter doch hin und wieder mehr Tiefgang. Sein Charakter ist wohlgemerkt keiner, der einem sofort und durchgängig sympathisch ist. Er ist Polizist, ver­heiratet und hat drei Kinder. Die Vorstellung seiner Rolle beginnt mit seinem Ehebruch. Sein Charakter ist zerrissen. Als Jugendlicher ein Rebell, der das Ver­schwinden seines kleinen Bruders durch aufsässige Art zu kompensieren ver­sucht und sich dabei oft Ärger mit der örtlichen Polizei einhandelt. Man merkt, wie Masucci versucht diese Zerrissenheit mit all seinem Können zu verkörpern. So recht an seine Darstellung glauben, kann man als Zuschauer dabei nur sel­ten. Es fehlt einfach die gewisse Tiefe des Ulrich Nielsens, den man als Be­trachter sucht. Eine Verbindung, die man zu ihm aufbauen könnte, obgleich seiner sonst recht unsympathischen Art. Leider bleibt Masucci flach und ober­flächlich in seiner Darbietung.

Ganz anders gelingt es Louis Hoffmann, der den Charakter Jonas Kahnwald (Sohn des Erhängten) verkörpert. Seine Rolle ist gebeutelt von den jüngsten Ereignissen. Der Tod seines Vaters hat Jonas ordentlich zugesetzt. So viele Fragen hat der Abiturient, die vorerst in der Dunkelheit bleiben. Nur ist er der erste, der zu bemerken scheint, dass in seiner Heimatstadt einige Dinge nicht mit reinem Menschenverstand zu erklären sind. Schon fast auf eigene Faust macht er sich los, den Rätseln dieser mysteriösen Vorkommnisse auf den Grund zu gehen. Hoffmann gelingt es mit seinen 19 Jahren die Zerbrechlichkeit, Unsicherheit und Trauer des sensiblen Jonas Kahnwalds überzeugend dem Zuschauer zu vermitteln. Im gleichem Atemzug stellt er aber auch den muti­gen und zuversichtlichen Jonas Kahnwald glaubwürdig dar. Hoffmann lässt den Zuschauer Jonas Gefühle spüren, sodass man sehr schnell eine Verbindung zum Hauptdarsteller aufbaut. Man versteht ihn, ist bei ihm, teilweise will man ihm sogar helfen.

Über die restlichen schauspielerischen Leistungen lässt sich im Allgemeinen sagen, dass sie einem durchschnittlichen Anspruch gerecht werden. Größeres Manko der Serie ist, dass sie sich in ihrer Ausführung leider zu vielen Klischees bedient. Ja die Serie heißt „Dark“ und natürlich passt dazu ein düsteres Szenenbild. Aber warum regnet es so viel? Und auch so heftig? Selbst hier in Ham­burg hat man solch eine Masse an Wasser selten zu einer Zeit den Himmel runterkommen sehen. Dazu tote Vögel, die vom Himmel fallen; eine Wand mit Fotos und ein roter Faden, der versucht alle Beteiligten und Verdächtigen zu verbinden; schwarze Schmiere, die auf einmal dem Hauptdarsteller aus dem Ohr rinnt; eine dunkle düstere Höhle, aus der komische Geräusche kommen und in der Menschen verschwinden; ein alter verwirrter Mann, der immer den­selben Text vor sich hinmurmelt.

So passabel „Dark“ für deutsche Verhältnisse auch inszeniert und umgesetzt sein mag, so stark erinnert die Story an den Netlixerfolg „Stranger Things“. Kinder verschwinden in verschiedene Welten. Natürlich in der Serie Dark unter einem zeitlichen Aspekt.  Aber trotzdem wird ein kleiner Junge seiner entrissen in eine Welt, in der er sich behaupten und überleben muss. Auch hier sind, wie in „Stranger Things“ viele Familien bzw. Familiengeschichten involviert. Diese Ähnlichkeit zu einer bis dato erfolgreichsten US Netflixserie und die holprige, von Klischees triefende Umsetzung von „Dark“ schmälern das Verlangen nach mehr dieser Serie.



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